
Gedicht: Gisela Kraft, IRAN, für thomas ogger
Kommentar: Jan Röhnert
Der Kommentar ist betitelt: „Aus den Augen strömt der Wein.“ Woher kommt die Metapher? Stammt sie aus einem Stück der hochlöblichen persischen Poesie, auf die der Kommentator durchaus hinweist? Oder aus den „Orientalen“ des Victor Hugo (übersetzt von Friedrich Rückert, 1859), wo die Metapher über die „orientalischen Götzen aus Stein“, denen das „Blut aus den Augen strömt“, steht. Und natürlich dient Hugos Metapher dem Kampf für die Freiheit wider die Osmanen. – Uns Deutschen dagegen gilt die freundlichere Metapher – wenn ich sie richtig entsinne- etwa so:
„Guter Gast komm still herein, und auf dem Tische Brot und Wein“, daran hat, ja auch Heidegger noch sein Herz geöffnet: wie seliges Beisammensein.
Den Zeitaltern von Victor Hugo, Trakl und Heidegger sind wir, Gottseidank, entwachsen. Der Begriff der Ambiguität in der orientalischen oder arabischen Literatur und Kultur ist uns, Dank sei dem Münsteraner Arabisten – im Hintergrund etwa die Abu Nuwas und Wein-Dichtung - wieder zugewachsen. In der Tat, der Einfluss von Edward Said (1974) blieb gering unter deutschen Orientalisten. Es ist einfach, nur, dass wir die Erkenntnis der Folgen der ideologischen Inversionen des westlichen Orientalismus in den kulturübergreifenden Dialogen wieder vergessen können. Nur, dass wir nebenbei willfährig die Massaker von Januar 2026 reinen Herzens allein der Regierung des Iran in die Schuhe schieben können, und so auch ganz frei von missverständlichen Intentionen den Angriffskrieg – auf vornehmlich zivile Objekte - rechtfertigen. (Die Szene mit einem Iraner, der vor seinem zerbombten Haus den Staub von seinem verknüllten Auto steht und fegt und sagt: „Hier steht mein Panzer nach dem letzten precition strike“.) Es genügt hier der Hinweis auf die „finsteren Perioden der Despotie“ gerade eben, um dieses Land zu verstehen.
Gisela Kraft ist in einer anderen Zeit durch Thomas Ogger einen künstlerisch inspirierten Berliner Orientalisten auf den Iran gestoßen. Nun wird uns, nicht etwa wie in den „Lettres persanes“ des Montesquieu, die persische Tyrannei der unseren als Spiegel vorgehalten. Nein, wir befinden uns heute in anderen Kriegszeiten. Keine Zeit für Selbstbespiegelung. Der aktuelle Kommentar zu Gisela Krafts durchaus dialogischem Ost-West Gedicht soll uns nicht vergessen machen, dass es für uns immer die Anderen, die Perser, die Orientalen „at large“, sein werden, die mit ihren „Urkatastrophen“ dem Stein das Blut in die Erde schneiden. Es ist nicht lange her, dass unser aller Präsident, eben uns versprach, dass er gerade diese „Perser“, in das s t o n e – a g e zurück bomben werde, und er behält dabei unbescholten sein und unser eigenes Gesicht.
Leider fehlt dem redaktionell abgesegneten Kommentar zum Iran-Gedicht die dialogische Sensibilität, die das weltoffene Spiel von Emanzipation und Anerkennung erforderte. Es gab aber in Frankfurt durchaus ‚Perioden‘ des Lichts, die von anderen Formen der Dialektik geprägt waren. Den Intentionen von Gisela Kraft, die noch in Weimar Jean Paul als Weltinspirator verehrt hatte, und mit ihrem Gedicht die Rose und den Wein vom Blutgeruch gereinigt sehen will, ist mit dem zeitideologisch versalzenen FAZ-Kommentar wenig gedient.
GS