GROUND ZERO 1

1 Mikrolithen sinds Steinchen inspiriert von Paul Celan Prosa aus dem Nachlass

Warum stimmen Trümmerfelder so traurig? Als er noch angespannt in Paris über dem Glückwunschtelegramm seiner Freunde zu seinem bevorstehenden Todestag den Kopf sinnend und wiegend bewegt haben mag, sind wir, die Sextaner von 1952 über die in Trümmern liegende Mathildenhöhe zu Darmstadt gezogen. Wer hätte uns da schon etwas von Paul Celan sagen können? Nicht einmal das gerade noch Ruine gewesene Haus der späteren Akademie für Sprache und Dichtung, geschweige denn der Deutschlehrer aus der Abiturs Zeit: der Ernst Kreuder-Freund Dr. Carl Mumm. Celan stand nie im Curriculum der Gymnasialen Erziehung, nicht in Darmstadt, auch später nicht. Wir sind nicht, obwohl man es heute so sagen könnte, fast barfuß zur Schule gegangen, vom bombenverschonten Dorf her im Zug der Odenwaldbahn über den Ostbahnhof. Nach oben zuerst, wo das Hügel-Feld lag mit den vom Fünffingerturm gefallenen Backsteinen. Manchmal haben wir die Religionsstunde geschwänzt und haben uns froh gestimmt, tanzten zwischen den Blöcken und zerbrochen Ziegelsteinen dahin, bis wir über den Kopf eines orientalischen Monsters stolperten. Aber selbst das Ungeheuer konnte uns nicht traurig stimmen. An einem anderen Tag legten wir diese, in langen Wellen straff, herunterfallenden Haare der Frau aus glattem Kunstbeton frei. Wir bestaunten ihre angeschlagene Nase. Doch dann bot sie uns ihren Schoß und die Rundungen ihrer vollen Brüste dar. Ja, einer hielt sogar sein Ohr an den rechten Busenflügel, um zu hören, ob das Herz noch schlägt. Weiter stillten wir unseren Durst am Brunnen des spuckenden Bes und spürten da die Falle einer großen Vergangenheit. Mit den Frauenkörpern im erhaltenen Platanenhain begegneten uns die Engel aus einem fern vergangenen Reich. Vielleicht. Aber wir, die frühen Erotomanen gefangen in Anblick und Ekstase vor der Frau aus glattem Beton, für uns war Tod und Krieg vergessen. Es wäre falsch zu verschweigen, dass wir, die Zehnjährigen, mit großer Freude diese Betonfrau im Trümmerfeld betasteten, als gehöre sie uns. Im Ground Zero, im Jenseits der verfluchten Kultur unde da. Denn uns gehörte die Zukunft in Glück und Freude.
So trabten wir auch hinunter zum Woog, dann weiter zur Schule, und keiner schämte sich. Die Betonfrau blieb uns im Bild und beständig ein Ereignis lange über die Zeit hinaus, in der wir sie noch besuchen konnten. Dann war die Skulptur weg. Wohin ward sie genommen? Am Woog fanden wir neue Spielfelder und wenn er zugefroren war, schlürften wir über die Eisschollen und bewiesen uns unseren Mut. Daran erinnerten wir uns später kopfschüttelnd und irgendwie traurig darüber, dass da kein Unglück unter uns passiert war. Wie groß das Leid hätte sein können, wurde uns erst bewusst, als Dr. Mumm in den Deutschstunden und im Landestheater mit uns den Woyzeck von Büchner besprach, und das Wasser, wohinein Büchners Marie gestürzt war, konnte nur eben das kalte Wasser vom Darmstädter Woog gewesen sein.

GS

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