
Elisabeth Lenk 2
Während Adorno sich der literarischen Kritik des Identitären Denkens widmete und auf nicht immer löbliche Weise den ‚Jargon der Eigentlichkeit‘ als Mittel der sprachlichen Verdummung geißelte, bricht Lenk vor dem Hintergrund ihrer Pariser Erfahrungen dem Traum im Reich der Dinge eine Schneise. Sie brach aus dem Sturm der abstrakten Frankfurter Kritik aus: keine Fragen mehr an die kulturelle Bürgerlichkeit. In der „Die unbewusste Gesellschaft“ (1983) setzt Lenk am Wirklichkeits-Potential des Traums an. Sicher, sie stand allein schon mit ihrem ‚Paris‘ hinter Walter Benjamin und als Frau in reflektierter Distanz zu Adorno. Der trug mit anderen noch dem Begriffs-Patriarchen Horkheimer die Aktentasche zum Rednerpult. Die ästhetische Herausforderung der Fleurs du Mal war nicht nur eine Frage der Vernunftkritik, sondern eine der menschlichen Solidarität und der inneren kreativen Kraft des Menschlichen. Lenks Rückblendungen in das Leben des Pariser Untergrunds, Paria-Existenzen der ‚Bauern von Paris‘, Bohème und Bordell, bleiben aber zunächst noch im abendländischen Weltbild stecken: Sie folgte Benjamins Entdeckung des Surrealismus, absurde Vernunft am kritischen Pol der Sinnlichkeit: Erkundungen in die Restbestände des sinnlichen Lebens. Wie aber konnte es Elisabeth Lenk, dieser Westfahrerin gelingen, durch Nichtbeachtung des Orients, aus dem Zug zum Osten eines Theodor Lessing auszusteigen?
Vergeblich suchen wir in ihrem Nachwort zur „Die verfluchte Kultur“ (ursprünglich als Porträt-Essay „Fortschritt ist wachsender Tod: der Unheilsprophet Theodor Lessing“ in der ZEIT erschienen), nach den lauten Klängen aus dem Orient, aus Indien, aus dem Morgenland. Sie lebte noch in anderen Zeiten: Frankfurt und Paris, Weltoffenheit im Westen.
Man erlaube mir eine Replik auf den Osten heute. Auch hier steht der Körper unserer Nation im Blickfeld: die bedachte Distinktion im Atmen. Wie können wir uns von dieser Marke Eigenbau im alten Osten distanzieren. Da kommen uns ganz andere anthropologische Exemplare im neuen ostdeutschen Heldentum entgegen: die Helden des sogenannten Wenderomans. Wie wäre Elisabeth Lenk wohl mit diesen zurechtgekommen? Die atmen ja noch die Tiefe der säkularen Moral. Was wären wir für Westler, wenn wir diese Helden, die uns heute wieder mit hoch erhobenem moralischem Zeigefinger kommen, nicht bereit wären, sie ernst zu nehmen. Wir können sie nicht als Fremde bezeichnen. Die neuen Deutschtümler in Ost und West, trotz diverser Geschichts- und Gesellschaftserfahrung haben gelernt, die Klappe zu halten und sich in Performanz zu üben. Gerade dann, wenn’s denn auch in kommoder Weise und in bewusster, körperlicher Verfremdung darum geht, jede noch so banale Form der körperlichen Erscheinung in kulturelles Kapital umzumünzen. Da waren auch sicher die alten Parolen von „Der Osten ist rot!, ff.“, oder später gar „Look East“, oder wie heute schon, wenn’s beim Auto heißt „Von China lernen“. Die Heroen des Wenderomans (vorgestellt in der FAZ vom 14, ff. März 2026): sind sie, sind wir nicht alle diejenigen, die den Übergang vom sinnvollen ins sinnlose Leben kühlen Herzens vollziehen müssen? Da gibt es kein Zurück mehr. Und doch halten wir doppelgesichtig, wenn ich das richtig verstehe, den Finger hoch. Drohend erheben wir ihn als Zeichen dafür, dass wir den Verlust der alten moralischen Ökonomien wir zunehmend diversifiziert wahrhaben müssen. So schmeicheln wir uns gegenseitig ein: Wir haben da etwas, was ihr nicht habt, ja eigentlich nie gehabt habt. So genügen wir mit Macht dem allgemeinen „Identitätstaumel“ und tummeln uns auf die erwartbaren Brüche zu: zur Wende und Change! Theodor Lessing dagegen flog schon vor und bald auch nach dem Ersten Weltkrieg als der Unheilsprophet auf dem unsäglichen Orient-Teppich. Er erhob seine Stimme aus dem Orient mit unheilvollem Gehabe und furchtbaren Orakeln vom Untergang des Westens oder gar vom Armageddon. Das waren nun nicht nur ephemere moralische oder epistemologische Widersprüche. Kein Wunder, dass er als Feind im Innern unerbittlich behandelt und so auch von der „Hindenburg-Front“ empfangen wurde. Kann man es ernster meinen? Sein früher Tod: in Marienbad von jungen Faschisten ermordet.
Ich werde mir in Fortsetzung meiner Bemerkungen über den zeitgenössischen GROUND ZERO erlauben, einiges auch über die Ästhetisierung des Ostens anzumerken. Natürlich handelte es sich im symbolischen Spiel mit dem Morgenland, das beginnt mit den ästhetischen Anliegen der vor dem Ersten Weltkrieg 1914 noch organisierten Orientreise Paul Klees und Franz Mackes, nicht um die Erfindung jener Waffen, die uns heute simulativ als ISIS, ALQAIDA etc. vorgehalten werden. Der Ernst des Morgenlands von Theodor Lessing liegt tiefer. Und vielleicht gelingt es auch zu zeigen, wie sublim die Linien der Frankfurter Epistemologie verlaufen. Und verbleiben doch eingedenk unserer verehrten Elisabeth Lenk: wir müssen uns mehr denn je mit den offenbar werdenden Wahrheiten und Taten des Morgenlands zurechtfinden. Da steht es doch bei Lessing: „Wir vergliedern alle Blumen, aber stehen nicht still vor der einen Blume“.
GS