MIT KASCHNITZ IN FRANKFURT

Gedanken-Flottillie im Gedenken an Marie Luise von Kaschnitz in Frankfurt

Sprach der Vater zu seiner weit entfernt lebenden Tochter:

Give me a blow and so and so. My ethic is too low: collect, collect, just only  to connect. Forget!

Du schwankst im Spiegel Deiner Wirklichkeit hin und her, suchst nach Sicherheit. Getrieben von unvergänglichem Eros. Warum gehst Du nicht ins Theater: Antigone, etwa, in der Fassung von Hölderlin. Was für ein großer Name. Eine Frau in Trauer, ein Tyrann, der sie daran hindern will, den Bruder zu betrauern. Ein im Widerstand aufstehender Mensch wider alle Staatsraison: Eshk-name weil gegen alle Welt.

Du schickst mir ein Bild, das aus dem Orient gekommen ist, es liegt aus der Zeit; in Ägypten,  die Baumwollfeldern hinter Simbelaween oder Tanta etwa? (Wer hat das Bild geknipst, von mir, gerade 42 Jahre alt, war das von Deiner ägyptischen Mutter etwa, war auch der Sufi-Scheich im Bild?)

Jetzt aber stell‘ Dir vor, ich nochmals viel jünger, kaum mehr als 20 Jahre alt, im Frankfurt unter den Weltmenschen, Kritische Aufklärung – Kultureller Marxismus. Ich musste das ernstnehmen. Ich, der erwählte Schauspieler in einer orphischen Hauptrolle, auf einer ausgedienten Orangenkiste, in einem Frankfurter Garagentheater, in einem als Theaterstück uraufgeführten Hörspiel von Marie-Luise Kaschnitz. Mit meinem aufgeplusterten Selbstbewusstsein durfte ich händeringend auf der Obstkiste rudern über der vorgestellten Bildwirklichkeit von einem mit Entengrütze übervollen Teich. Im Antlitz aber Ihr, realiter vor mir, matter of Fact,  da sitzend in Schwarz die zwei hochgestellten Figuren der beginnenden Frankfurter Aufklärung, 60er Jahre in Frankfurt: Theodor W. Adorno, am Arm der Autorin Marie-Luise Kaschnitz.

Die mich erwählende studentische Regisseurin, war sie nicht auch ein Mauerblümchen in der Germanistik, jung wie Du? Was wohl ist aus ihren hohen Erwartungen geworden? Was aus mir?

Schließlich, ich lebte in Einsamkeit und Freiheit in der Dachstube von einer Villa an der Kennedy-Allee. Ein bisschen Arabisch-Paukerei, das Alexandria-Quartett von Lawrence Durrell und stille Besuche von einigen anderen Mauerblümchen, und, ich muss es bekennen, die seltsamen Theaterträume mit Sylvia.     

Ich sollte auch das bekennen, es war Adorno, der unter den Orientalisten sonst nur schlecht gelittene Philosoph, aus Frankfurt und von jüdischer Herkunft, der über meinen auf Arabisch im Studienbuch verzeichneten Kurs am Orientalischen Seminar so laut staunte, und alle zum Testat anstehenden Studienkollegen warten ließ, um mir lobend dem Testat in arabischer Schrift seine so große Aufmerksamkeit zu widmen. Woher das Interesse? Da hatte ich plötzlich den Mut, das Fünkchen aufzunehmen: Arabisch zu lernen, als wäre das die einzig mir wirklich verbliebene persönliche Auszeichnung. Es war diese Humiliation des zu kleinem Selbst Verdammten oder sich doch zu Großem hingezogen fühlenden. Warum nicht Heidegger? Warum nicht Adorno? Es waren die Araber und Juden in Durrells Alexandria, die Kraft in mir weckten, und Ich hatte plötzlich einen großen Mut zum Fremden.

Mauerblümchen, jetzt schickst Du mir das alte Bild aus Ägypten aus dem Schubladenfach Deiner längst verstorbenen Mutter. Und doch, bei all dem Fernen, das mir mit so viel Leiden gekommen ist, ja, doch auch – ich muss es sagen – viel Freude und den Begriff von Eshk-name gebracht hat: jetzt sehe ich das Bild von Marie Luise von Kaschnitz von 1971, in der FAZ. Sie sieht jünger aus als 1965 als alles schon vorbei war oder doch vielleicht wieder kommen sollte. Werde ich jemals vom Ruch des Frankfurter Mitläufers „exkulpiert“. Wie viele sind schon tot, wie viele reisen noch mit Dingen im Kopf herum, von denen sie nicht mehr wissen wollen oder können, was sie tun?

Was war das für eine Bretterkiste, auf der ich zu stehen hatte und einen Grünegrützeteich anzurufen hatte, aufzupassen hatte, dass die Kiste nicht zerbricht, meinen Text mit hoch erhobenen Armen zu rezitieren hatte, als wäre er Griechisch oder Archäologisch. Es gelang mir, stehend den Akt zu absolvieren und nicht hinunterzustürzen in die Arme der beiden Großen, deren Augen ich im Dunkeln nicht sehen konnte.

Ein herzliches Dankeschön, ich ihnen, sie mir. Ein freundliches Ende des Abends in der nicht leeren aber auch nicht übervollen Betongarage im Frankfurter Westend.

Jetzt werden, aus Anlass der Herausgabe von „Gott und die Welt. Aufzeichnungen aus der Wiesenau.“ Die Blicke auf Geschichten, Situationen, Gedankenkreise und Miniaturen der Marie Luise von Kaschnitz gelenkt und auf den Satz aus Ihrer Büchner Preis-Rede mit dem Wunsch, „den Blick des Lesers auf die wunderbaren Möglichkeiten und die tödlichen Gefahren des Menschen und auf die bestürzende Welt“ gelenkt zu haben. (Thanks to Ursula Renner, FAZ, Samstag den 4.4.26, Seite 10, !)

GS

Der Vantage Point World-Verlag wurde im Februar 2012 gegründet. Unser Interesse gilt den aktuellen und den historischen Formen des Zugangs zur Welt: Reisen, Kunst und Kultur. „Common Ground“ - das von Gemeinsamkeiten und Differenz geprägte Terrain, das als ästhetische, als individuelle und als politische Bewusstseinserweiterung erfahren wird: weltoffen und grenzüberschreitend.
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