GROUND ZERO 2

Und heute? 09/032026 – Verbombung der Öl-Anlagen von Tehran und Haifa

Wir sind seit langem schon ins Neue Jahr gekommen. Alle Hoffnung ist rar. Die Restposten der Demokratie sind in der Bibliothek. Ich habe noch das Bild der verschneiten Stadtlandschaft vor mir: Ein Baum voller schwarzroten, in den Ästen hängenden Blättern, als wollten sie sich nicht von ihnen trennen. Daraus lugt ein alter, kriegsüberlebender Kirchturm hervor. Keine Trauer. Das Klappern auf dem Laptop meines Nachbarn neben mir war nicht zu überhören; ich konnte dem nur leise und langsam begegnen. Derrida. Vielleicht schreibt er an seiner Dissertation. Oben hinter mir stehen in Gewissheit die Reihen der Gesamtausgaben … Döblin, … Celan. Ich hatte Anfang der 1960er Jahre einen Gedichtband von Ihm erstanden. Wie hätte ich damals auch nur ahnen können, dass dieser einsame Dichter so viele, ja Tausende Seiten geschrieben hat. Ich erinnere noch ein paar Zeilen, die er von René Char übersetzt hatte. In den ersten Seiten der ‚Nachgelassenen Prosa‘ schon wird es eisig kühl: Dann kommt es immer mehr von Tod und gemordetem Leben herüber: Schwarz. Warum musste er, der schöne Mann, alles so ernst nehmen, insbesondere die Kampagne der vom Ressentiment überladenen Chimäre, Claire, die Frau von Yvan Goll. War sie es, die ihn über Jahrzehnte hinweg mit falschen Anschuldigungen über Plagiate zu Tode geritten hat? War es eine Verschwörung, die sie inszeniert hatte? Damit ist nicht zu spaßen. Waren es die vielen Sprachen, Nationalitäten oder Frauen, die ihn irritiert hatten? Oder der Sturm der ewig deutschen Ketzer oder hinterrücks operierende halblinke Neider à la 47? Nein, ich sollte es mir ersparen, dass der dtv-Begründer und ruhmreiche kriegsversehrte Heinz Friedrich (Bio: Von Beruf Keiner), aus demselben Dorf kam wie ich, und sicher wie ich die Mathildenhöhe und den Woog auf dem Schulweg passiert haben musste. Da gab’s noch keine Trümmerfelder, und die nackte Betonfrau stand noch in aller Form am rechten Platz. Mit Celan hatte Friedrich es nicht, obwohl er in Königsberg beim letzten Beschuss zwischen Sand und Urne überlebte. Er kam da heraus. So eindringlich beschreibt er seine Verwundung in der Ruine, aus der er herausgezogen wurde. Dank der Sorge einer russischen Ärztin, die ihm ein Weiterleben ermöglichte.
Noch immer heißt das hier Staatsbibliothek, und hätte der Terroranschlag vom 4. Januar uns nicht aus der Wohnung im Südwesten Berlins getrieben, säße ich jetzt dort und nicht in dieser Bibliothek neben dem hämmernden Schrifttäter mit Derrida vor sich u.a. Ich komme hier nicht an Döblin vorbei (Asien und Europa), wie gesagt, nicht an Berlin, wo der Bürgermeister im Tennisspiel mit seiner Partnerin den Anschlag herunterspielt. Und doch, wie gesagt, „Mikrolithen sind‘s Steinchen“, wir lernen, wie man das Ground Zero im Blick vergessen kann.
Auschwitz und die Kultur der Barbaren (es gibt ein Eisenstadt-Papier zu diesem Thema, ich finde es nicht). Adorno schrieb 1949 – gerade aus Amerika nach Frankfurt zurückgekehrt -: „Kulturkritik findet sich in der letzten Stufe der Dialektik der Kultur und Barbarei gegenüber: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frisst an die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben.“ Hier beginnt die „negative Ästhetik“ zu schreiben, die dem Drang verfällt, Schrecken als Erfahrung in der Poetik zu reflektieren. Das ist ja, recht eigentlich kein barbarisches Unterfangen, wie Adorno hinweisend auf die Ausnahmen von Dichtern wie Baudelaire und Lorca, und vielleicht noch Brecht zugibt. Doch nagt diese Poesie im Widerspruch an gerade eben auch am Schönen. Denn, während sie im Schrecken noch das letzte Aufhellen von Schönem nachzuspüren sucht, geraten Im Ereignis des Lebens auch Abfall und Debris in den Blick. Hier hat die Ästhetik des GROUND ZERO (z.B. Towers und Gaza) anzusetzen.
Die Dialektik von Kultur und Barbarei, bezieht sich auf die „Kulturkritik“ in der letzten Stufe. Sie darf eben nicht im bloßen Gegensatz von affirmativem rationalem Kolonialismus und Barbarismus des Dschungels übertüncht werden. Man möchte meinen, Europa und der Untergang des Abendlandes seien gemeint. Die Erkenntnis des Global South hebt die Sache aber nicht auf, sondern auf eine völlig neue Stufe. Es bedarf der Reflexion, dass wir es heute mit der kulturübergreifenden Frage nach der Möglichkeit einer Ästhetik des Ground Zero zu tun haben. Wer die Sache aber unter Einbezug der Möglichkeit des Armageddon angeht, bleibt mit allen Engeln in den Angeln des europäischen Weltschmerzes hängen, der Ewigkeit verheißt.

GS

Der Vantage Point World-Verlag wurde im Februar 2012 gegründet. Unser Interesse gilt den aktuellen und den historischen Formen des Zugangs zur Welt: Reisen, Kunst und Kultur. „Common Ground“ - das von Gemeinsamkeiten und Differenz geprägte Terrain, das als ästhetische, als individuelle und als politische Bewusstseinserweiterung erfahren wird: weltoffen und grenzüberschreitend.
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