GROUND ZERO 4

GAZA  

Selbstbescheidung im Ausdruck der ‚Befindlichkeit‘ des Opfers in moralistischer Erniedrigung ist uns Westlern fast unerträglich. Die ‚Macht‘ dieses Kulturwerkzeugs begegnet uns aber in einem Doku über Gaza unter dem Titel GROUND ZERO. Wer am Medienleben teilnimmt, ist mit der Bilderwelt der Ruinen von Gaza so vertraut wie mit den brennenden und einstürzenden Türmen von Manhattan. Es erübrigt sich also aus welch immer geltenden Gründen oder in propagandistischer Absicht gar, in Seelen-zermürbenden Beschreibungen darzustellen, wie das zu Stande kam, und was daraus geworden ist. Und wie es damit weitergeht. Der Dokumentarfilm GROUND ZERO aber weckt unser Interesse, weil er wirklichkeitsbezogene Stücke des praktischen Überlebens in Gaza aufzeigt. Keine Widerstandsbewegung, sondern eine Hinnahme des Gegebenen als Fatum. Dass nun selbst dieses wiederum eine Macht sein kann, zeigt der Film GROUND ZERO.
Leben im Plastik-Folien-Zelt – dünne Wände – wankender Schutz vor Wind und Wetter, Sonnenhitze und Kälte, flutend Wasser und Vertrocknen, wenn’s zu heiß wird. Ein Gaskocher, vielleicht, liefert noch ein Gläschen Tee. Ein Metalltopf, eins zwei heruntergekommene Kupferschalen, noch aus der Mitgift oder Aussteuer. Sonst gesammelte Plastik Teller mit Besteck, es gibt nicht eigentlich mehr eine ‚heilige‘, verbotene Welt der Frauen. Weise Leichenfolien mit Reisverschluss als Schlafsäcke mit Tuch vollgestopft, oder mit spärlicher Wolle und Viberglasgeweben. In den Ecken Kanister verschiedener Art und Farbe. Doch das Anschaffen von Wasser leistet der ältere Mann mit dem hohen, glänzenden Stahltopf, mit dem er sich aus dem Zelt stiehlt, um die Wasserquelle zu erreichen. Der Professore trägt mit Würde seinen grauen Anzug und verliert sich draußen durch eine Gruppe von Fußball-spielender Jugend. Die Kamera folgt ihm hin zur Menschenschlange, die sich unbestreitbar ordentlich zur Masse verkrümmt hat, in der Mitte sitzt ein Junge und hält den Schlauch. Geduld, es läuft spärlich, aber es läuft noch. Hoffnung. Doch als der Professore seine Hände mit dem Topf vorgestreckt hält, hat der Lauf des Wassers schon aufgehört. Nichts. Nicht ein Tropfen. Nur langsam löst sich die Menge auf, der Professore blickt traurig in seinen Topf. Er verliert kein Wort und geht weiter mit seinem leeren Topf. Wohin?
Vielleicht 10 Jahre ist sie alt, sie sitzt ruhig vor sich blickend auf dem Rand einer Betonplatte, die schräg und spitz aus der Hausruine ragt. Sie sagt ihren Namen. „Ich bin … Samiya“, ein weiblicher Allerweltsname. „Warum sitzt du hier?“ Wird sie gefragt, “ich bin hier bei meinen Eltern, die da unten liegen und nie gefunden wurden“, und sie zeigte sich vorbeugend und mit der Hand unter die Platte deutend, so als wäre sie mit sich selbst in Frieden, ja, als hätte hier alles seine Ordnung. Später im Film findet sie sich unter einer in orientalischer Manier sitzenden Gruppe von auf dem Boden sitzenden Frauen. In einer Reihe üben sie das Malen mit Papier und Bleistift. Kinder gleichermaßen, und ein paar junge Männer laufen hier herum, in einem großen Raum unter dem hohen und mit schweren Folien bedeckten Zeltdach. Sie versammeln sich und zerstreuen sich. Tanz kann man es nicht nennen. Sie üben auf vielfältige Art Kunst und stellen einzelne Stücke aus. Wie überall, draußen und drinnen,ist ein gepflegter und kreativer Umgang mit den Dingen zu beobachten, und seien sie noch so zufällig gefunden und aufgesammelt worden, sie werden in und zu wirklicher Erscheinung vorbereitet und dann zum Ende des Films hin präsentiert.
Es verbreitet sich Sprachlosigkeit unter der Gruppe von Holocaust-Forschern, die sich den Dokumentationsfilm angesehen haben. Nach einer Weile kommt ein erstes zustimmendes Votum, dem weitere folgen. Es werden die Existenzbedingungen hervorgehoben, die Unaufgeregtheit, die Bedeutung des Informationsgehaltes, die Art der Gestaltung.
Bis schließlich einer zur Gegenrede anhebt. Er müsse seiner Empörung Ausdruck verleihen, die Dokumentation sei „gestaged“. Er selbst hat eine junge Tochter zu Hause. Er könne es sich nicht vorstellen, dass seine Tochter in solch einer Kühle jemals auf seinem Sarg sitzen werde. Nie werde seine Tochter über seiner Leiche sitzen, ohne zu weinen. Er wollte dem Regisseur nicht die Suche nach Authentizität abstreiten. Doch er verneint Trauer und die daraus hervorgehenden Rache- und Neidgefühle. Sie fehlten bei allem, was gezeigt wurde. Niemand in der Runde widerspricht dieser Meinung. Der weitere Diskussionsverlauf tangiert die Frage nach der Authentizität nicht weiter. Man könnte daran zweifeln, aber ist sie nicht wichtig? Wer bestimmt darüber, was die angemessene Trauer ist. Wer weiß etwas über die Psychologie des Kindes, das unter Bedingungen des Krieges aufwächst. Sie sind wichtig.
Der Film wird indirekt – der Redner versäumt es nicht, seine große Betroffenheit zu beteuern, doch das Argument der Psychologie eines Kindes unter Pein trifft einen unauflöslichen Knoten. Es ist die unbestreitbare Wirklichkeit – massenhaft und fast alltäglich in den Bildschirmen gezeigt. Sie hat auf eine wechselnde Systematik des Mangels zu reagieren. Und doch wird hier bezogen auf die Bildfolge, die Authentizität bestritten. Das Mädchen sitzt auf der gebrochenen Betonplatte vor der Ruine mit den nicht geborgenen Eltern, dass diese Bildwirklichkeit so leicht im ‚Massengrab der Zeichen‘ sich nicht verliert, darauf ist zu achten. Simulation!?
Warum diese Diskussion? Es könnte doch der Einwand erhoben werden, dass hier der allgemeinen Befindlichkeit Rechnung zu tragen ist. Sie spielt sich unter Opfern in einer Plastik-Folien-Stadt ab, im abgekühlten Umgang mit dem Material der Restkultur in Schutt und Asche: Kriegsruinen und Debris. Im Hintergrund droht die fortgesetzte militärische Auseinandersetzung, die zivilen Widerstand unmöglich macht. Es kann überlegt werden, ob man hier in der Kunst des Überlegens nach Alternativen sucht: „Deep Humiliation of the Self?“. Plötzlich wird deutlich, dass es sich hier um eine in den Seelen wirkende Kunst des Ausdrucks im körperlichen Nichts geht. Eine ästhetische Haltung zur Spiegelung der Befindlichkeit des nackten Seins tritt hervor. Das Gespenst einer Altter-Gesetzlichkeit geht um!
Man behaupte nicht, dass solche Narrative nicht auch willkürlich von außen gesponnen werden können, ja – wie sich jüngst in Teheran zeigte - systemisch inszeniert. Der manipulativen politischen wie persönlichen Inszenierung (man ‚staged‘ ein von der Zigarette einer jungen Frau entflammes Bild des iranischen ‚Revolutionsführers‘) und der Bild-Realität sind gerade im offenen Raum der Kriegspropaganda keine Grenzen gesetzt.
In Ground Zero in Gaza wird die ganze Ambiguität der ‚Negativen Ästhetik‘ ausgespielt: Wir befinden uns in der Traumwelt der Dinglichkeit, in einer neuen politischen Ästhetik der Opferempfindlichkeit, das kann bis zur allgemeinen Tünche der Wirklichkeit führen: Gaza als Riviera und Neues Singapur im Mittelmeer.

GS

Der Vantage Point World-Verlag wurde im Februar 2012 gegründet. Unser Interesse gilt den aktuellen und den historischen Formen des Zugangs zur Welt: Reisen, Kunst und Kultur. „Common Ground“ - das von Gemeinsamkeiten und Differenz geprägte Terrain, das als ästhetische, als individuelle und als politische Bewusstseinserweiterung erfahren wird: weltoffen und grenzüberschreitend.
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