OST-WEST-PHILOSOPHIE Elisabeth Lenk 1

Ich war noch zu jung, um zu verstehen, was diese Frau umtrieb. Wir saßen 1965 etwa zu tritt vor ihrem Schreibtisch, sie drehte sich mit langen, an Enden gelblichen Fingern eine Zigarette, es eilte ihr der Ruf einer genialen Schülerin von Theodor W. Adorno voraus. Aus Paris war sie gekommen. Ein Hauch von Französischer Revolution und Pariser Commune ging von ihr aus. Das Wort „Identitätstaumel“ war noch nicht erfunden. Sie war sehr erfinderisch in der Wahl ihrer Worte, wir führten das auf den Einfluss Adornos zurück. Wir, 6tes Semester von Frankfurt nach Gießen. Da war vielleicht noch mehr im Spiel, aber was Walter Bejamin und Theodor Lessing für diese Frau bedeuteten, war uns zu verstehen verwehrt. Heute nehme ich mir das von ihr herausgegebene Bändchen „Die verfluchte Kultur“ von Theodor Lessing vor und lese aus dem Vorwort von 1921, Seite 5: Paul Deusen will „die Weistümer des Veda dem Abendlande bewahren, um den Boden zu bereiten, für die edelste Frucht kommender Geschlechter: die Versöhnung der unheilvoll auseinandergesprengten beiden Weltpole; der wach bewussten Vernunft im christlichen Abendland mit der dunkeltiefen Lebensnähe des uns heute entfremdeten Ostens. …“ Wir finden hier einen Ansatz, der sich sowohl dem Frankfurter kritischen Vernunft-Diktat, als auch der von seinem ehemalig hannoverischen Freund Ludwig Klages gepflegten Sehnsucht nach ‚Rhythmen und Runen‘ im Norden widersetzte. Bei Lessing aber heißt es:
„Das Verschwörertum logisch-ethischen Geistes steckt schon im Worte: Mensch. Das Wort hängt zusammen mit dem indischen mânas, der Bezeichnung für die geistige und tätige Seele. Und dieses Wort wieder hat eine Beziehung zu mâna = Selbstgerechtigkeit, Dünkel.
Des selben Stammes ist das lateinische mens, welches Wort verwandt ist mit mentiri, lügen. So wie im Deutschen Verstand verwandt ist mit: verstellen“ (Die verfluchte Kultur, o.J., Seite 56). (Hier schwebt das einzige – und nie verwundene - Klages-Zitat der Dialektik der Aufklärung herein. Dazu alles Weitere später.)
Man wird nicht umhinkommen, in Theodor Lessing einen wichtigen Pfeiler der Ost-West-Philosophie zu sehen, die sich selbst auf den Weg begibt, sich der lange gepflegten ‚Kammerdienerei der Wissenschaft‘ zu entledigen. Hier schon weckte Elisabeth Lenk schon unser Interesse für Fellachen, Parias und Outcasts, die vom Rande her Wirkenden und im wesensmäßigen elementalen Angriff auf das Zentrum neue Wirklichkeiten zum Begriff bringen. Wir beginnen also mit Elisabeth Lenk und Theodor Lessing. Dazu werden wir mit einer Reihe von Kalender Posts fortfahren.

GS

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