OST-WEST-PHILOSOPHIE Foucault und Iran


Foucault und Iran

Michel Foucault reiste1978/9 zur Zeit der Revolution mehrmals in den Iran. Erklärter Zweck war, gewissermaßen journalistische Beiträge zu einer Reihe über Ereignisse des laufenden Zeitgeschehens zu liefern: ‚réportages des idées‘, Ideenreportagen. Ein junger Romanist aus Frankfurt, sammelte für den Fischer Verlag alle seine hieraus erwachsenen Schriften und übersetzte sie auf Deutsch. Man bat mich die Texte mit einem Nachwort zu versehen und in einem eigenen Band bei Fischer herauszugeben. Das Projekt konnte nicht realisiert werden, weil Gallimard, wie man mir sagte, die Rechte nur nach der Veröffentlichung in der Gesamtausgabe vergeben wollte. So beschloss ich, auf Englisch einen Aufsatz zu schreiben, suchte auf dem Dachboden des Simonian College in Oxford im Original alle Zeitungsartikel zusammen, ich kollationierte die Originale der Zeitungen mit der deutschen Übersetzung und schrieb auf dieser Basis einen englischen Artikel, der 1991 in der Zeitschrift „International Sociology“ erschien.
Warum sprach Michel Foucault von der islamischen Revolution im Iran als von einer „Revolution in geistloser Zeit“? Ich mache einen Vorschlag: Seine Reportagen drehen sich hauptsächlich um drei Knotenpunkte, durch die hindurch seine Beobachtungen verlaufen.
Zunächst stellt er sich die Frage, wie kommen die Iraner dazu, von geistiger Lenkung zu sprechen, in einer Zeit, in der die bloße Orientierung an materiellen Interessen vorherrscht. Er fasst seine Diskussionen mit den Iranern unter dem Begriff der ‚politischen Spiritualität des Islams‘ zusammen. Also, wider die westliche Haltung, die in ‚säkularer Funktionalität‘ ankert, hielten seine Gesprächspartner im Iran an der revolutionären Erweckung in ihrer Religion fest, sie sei – so argumentierten sie, über Jahrhunderte hinweg von der Idee der ‚Spiritualität‘ beherrscht gewesen, solange sie noch nicht der Hörigkeit gegenüber den kolonialen Mächten des Westens verfallen war.
Zweitens, wie konnte es gelingen, dass in einem so großen und landschaftlich vielgestaltigen Land überall fast gleichzeitig die Revolte ausbrach, die zur Revolution führte. Die Volksleute auf der Straße verfügten über Kassettenrecorder, er nannte diese Kontrolle der medialen Macht durch die Revolutionäre, „die Revolution der Kassetten“: Die Reden der lokalen Führer wurden auf Kassetten aufgenommen und dann überall im Land verteilt und abgespielt. Die Revolutionäre verfügten über ihre eigene Sprache, die Öffentlichen Medien wurden ihres Publikums beraubt. Ist das der ‚Strukturwandel der Öffentlichkeit“ den Habermas und Offe sich wünschten? Es war hier die beispielhafte beschleunigte Durchsetzung der Kreativität der Straße in politische Macht. Das blieb in der Feder des Franzosen Michel Foucault nicht ohne Bewunderung.
Drittens, die „nackte Hand“ der Frauen, die Passionen der toten Körper, die Riten ihrer Beerdigung. So sehr es sich hier um reine, demonstrierte Körperlichkeit handelt (Frauenhände, die sich gegen den Lauf der Maschinengewehre richten), so sehr war die symbolische Kraft, die sich als ein beherrschendes Moment in der schon von ihren Gründungsereignissen her vom Trauerritus bestimmten gesellschaftlichen Praxis der inneren gesellschaftlichen Bindung zeigten.

GS

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